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Interview mit Dipl.-Ing. Thomas Schöberl, Geschäftsführer der Pro Ingenieurberatung
02. September 2010 (us) Der Gründer und Kopf der 'Pro Ingenieurberatung' Thomas Schöberl steht Rede und Antwort zu Konzept und Selbstverständnis der Managementberatung für Ingenieure. Diskutiert wird die Bedeutung methodischen Arbeitens, die Verbreitung der richtigen Methoden, Zielgruppen und Industrien, die vom Einsatz des Know Hows das die Pro Ingenieurberatung bietet profitieren.
Frage: Herr Schöberl, Sie legen den Fokus Ihrer Beratungstätigkeit auf den für Unternehmensberater eher ununtypischen Bereich der Produkt- und Prozessentwicklung. Also dem Kernland der Ingenieure. Was brachte sie auf die Idee, dass es gerade in diesem Bereich Nachfrage nach Beratung gibt?
Thomas Schöberl: Das Know How der Menschheit hat in den vergangenen Jahrzehnten in bislang einmaligem Umfang zugenommen. Selbst ausgesuchten Fachleuten gelingt es heute kaum mehr mit allen Entwicklungen und Innovationen Ihres Metiers Schritt zu halten; Experten, die im Unternehmensalltag und Tagesgeschäft permanent eingebunden sind, schon gar nicht. Es ist nur natürlich, dass man unter diesen Rahmenbedingungen gezielt externes Know How ins Unternehmen holt. Es ist die preiswerteste und einfachste Art, sich die entscheidenden Neuentwicklungen zu sichern. Wir liefern solches Know How.
Frage: Nun ist aber gerade bei Entwicklungsingenieuren das fachliche Know How doch sehr weit entwickelt. Was macht Sie so sicher, dass ein externer Berater hier einen Mehrwert bieten kann?
T.S.: Sie sagen es: das fachliche Know How ist charakteristisch für Experten im Engineering. Wir von 'Pro' vermitteln aber keine Fachkenntnisse. Das wissen die Ingenieure in der Tat selbst besser. Wir vermitteln methodische Kenntnisse. Arbeitsweisen. Das Bewußtsein für diesen Bereich ist nicht nur bei Ingenieuren erstaunlich gering ausgeprägt.
Frage: Wie kommt das?
T.S.: Das ist teils historisch, teils charakterlich bedingt. Für Ingenieure typisch ist eine starke Hands-On Mentalität. Ingenieure packen gerne zu und machen etwas. Methodisch arbeiten bedeutet aber, dem ersten Impuls widerstehen, zuerst nachdenken, genau planen und erst dann anfangen. Das erfordert die richtige geistige Haltung und etwas Disziplin. Diese Arbeitsweise geht den meisten Ingenieuren zuerst etwas gegen den Strich und wird nicht selten als störende Verzögerung ihres Tatendrangs empfunden. Dazu kommt noch eine bislang unerkannte Ausbildungslücke: die Tatsache, dass es nicht nur eine, sondern zwei wichtige Arten von Wissen gibt, wird an den Hochschulen im Grunde nicht vermittelt, das Bewußtsein dafür wird nicht geweckt. An den Hochschulen gilt nach wie vor primär gut abprüfbares Lern- und Faktenwissen als entscheidende Qualifikation. Und das hilft einem auch weiter, solange man sich auf bekanntem Terrain bewegt. Außerhalb dessen, dort wo das Neuland beginnt, gilt aber genau das Umgekehrte. Wenn das Fachwissen an seine Grenzen stößt, hilft nur noch Methodenwissen weiter. Methoden sind sozusagen die Positionsleuchten im Dunkel des Unbekannten. Methodenwissen befähigt dazu, sytematisch und taktisch klug zu neuen Antworten auf unbekannte Fragen zu gelangen. Natürlich kann man auch ohne methodischen Ansatz Antworten finden: aber in der Regel eher zufällig, unsystematisch und nach beliebig langem herumsuchen. Die richtigen Methoden sind in F&E sozusagen der Turbo für das Gewinnen von neuem und vor allem gesicherten Wissen.
Frage: Ingenieure müssen also umdenken?
T.S.: Ja unbedingt. In den vergangenen 200 Jahren technischer Entwicklung sind technische Systeme enorm viel komplexer geworden. Allein in einem PKW stecken heute viele tausend Mannjahre an Entwicklungsleistung. Viele Produkte haben längst einen technischen Sättigungsbereich erreicht, wo nur noch Perfektion, Fine-Tuning und Steigerung der Komplexität und Funktionalität einen Marktvorteil bringen. Bis in die 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts konnte man es sich noch leisten, der Nase nach mit etwas Talent und Geschick und einiger guter Intuition recht ordentlich zu entwickeln. Aber das ist dreißig Jahre her! Die Zeit bleibt nicht stehen. Die Konkurrenz schläft nicht. Sie müssen sich vorstellen, in China gibt es eine Unzahl von Universitäten, wo Jahr für Jahr zehtausende Absolventen der Ingenieurswissenschaften ihre Ausbildung beenden. Gegen eine solche Masse an motivierter Arbeits- und Innovationskraft hilft dem zahlenmäßig rettungslos unterlegenen Westen nur eines: Köpfchen.
Frage: Worin besteht das 'Köpfchen'?
T.S.: Dass wir unseren zahlenmäßigen Nachteil durch den Einsatz von Computern kompensieren. Im Kern geht es darum, mit Hilfe von Computern moderne und vor kurzem noch gar nicht rationell nutzbare Berechnungsmethoden einzusetzen. Es ist kein Zufall, dass diese Techniken, obwohl ihre Grundlagen teilweise schon vor hunderten Jahren gelegt wurden, erst jetzt breitere Anwendung finden. Die Schnelligkeit der Computer auch komplizierte Berechnungen während eines Lidschlags auszuführen ermöglicht es erst, solche Prinzipien im täglichen Entwickleralltag zu verwenden. Große Datenmengen verwalten und komplizierte Berechnungen durchführen und am Ende klar visualisieren, diese Werkzeuge stehen uns ja nicht seit langem zur Verfügung, sondern gerade einmal seit etwas mehr als 10 Jahren. Aber heute ist es umso unerlässlicher, diese Vorteile zu nutzen. Wer schläft, verliert.
Frage: Worin liegen die Vorteile?
T.S.: Bei allem, was in der Entwicklung wichtig ist: Schnelligkeit, Fehlerfreiheit, Kontrolle. Die traditionelle Auffassung besagt, dass man nur entweder schnell oder gut sein kann. Das stimmt zwar, aber auch wahr ist, dass man der richtigen Arbeitsmethodik zugleich schneller und besser werden kann. Die traditionelle Auffassung gilt sozusagen nur bei gleichen Rahmenbedingungen. Der Einsatz einer besseren Methodik verändert die Rahmenbedingungen jedoch entscheidend.
Frage: Wie viel schneller und besser?
T.S.: Das hängt natürlich stark vom Anwendungsfall ab. Wenn der Untersuchungsgegenstand gut auf die Methode anspricht, sind Halbierungen heutiger Entwicklunszeiten machbar. Mitunter auch deutlich mehr. Bedenken Sie: bei gleicher oder wahrscheinlich besserer Qualität, weniger Ausschuss, höherer Liefertreue, verbessertem Image beim Kunden, all das bedeutet das! Aber ich will an dieser Stelle auch nicht zu viel versprechen. Jede Fragestellung ist anders. Aber stellen Sie sich allein das vor: statt 8 Monate bis zur Marktreife nur 4. Das allein ist bereits sensationell! Das bietet niemand sonst!
Frage: ...und besser?
T.S.: 'Besser' bedeutet zuerst einmal Freiheit von Fehlern. Also Kontrolle über das Produkt oder den Prozess. Genauer gesagt, Kontrolle und Kenntnis über Einflussfaktoren und deren Wirkungen. Genau hier liegt der Fokus unserer Arbeit. Die exakte Analyse der relevanten Einflussfaktoren. Wir suchen nach den wirklichen Zusammenhängen, denn von dieser Kenntnis hängt alles weitere ab. Das ist der Schlüssel. In der Praxis finden Sie an dieser Stelle noch immer sehr häufig die alte Denke: ein Experte macht sich ein Bild von einem technischen System und 'weiß' dann um dessen Verhalten, er kennt es, er ist eben der Experte. Das geht bis zum Mythos vom Werker, der eine Maschinen mit einem gezielten Hammerschlag davon überzeugt, richtig zu fertigen. Immer wieder gern bemüht, aber eben ein Mythos. So etwas kann gut gehen. Ich sage bewußt 'kann', denn in aller Regel tut es das nicht. In der Regel sind im Gegenteil 30% des Expertenwissens falsch, Prognosen die darauf basieren Falschaussagen. Wenn man hochrechnet, dass der Löwenanteil der Kosten für ein technisches System in der Entwicklung determiniert werden, kann man ermessen, was Fehler an dieser Stelle an Kosten verursachen. Umso befremdlicher ist es, dass man hier immer noch beinahe wie zu Großvaters Zeiten arbeitet.
Frage: Aber warum?
T.S.: Weil viele gestandene Ingenieure und Entscheider auf dem Auge der Lösung annähernd blind sind. Wer eine Lösung nicht sucht, kann sie auch nicht finden. Und auf dem Gebiet der Methodik wird nur selten gesucht. Das hat vielerlei Gründe, u.A. auch die abschreckende Wirkung der auf den ersten Blick teils sehr abstrakten Konzepte, die dazu noch mangelhaft vermittelt und erläutert werden. Teils auch, weil wie bereits erwähnt die Vorbildung an den Hochschulen auf diesem Gebiet so dürftig ausfällt. Und vergessen Sie nicht: Pardigmenwechsel tun immer weh. So etwas macht man nicht gerne von selbst. Dazu braucht man Hilfestellung. Eine Hilfestellung, die wir geben.
Frage: Sie behaupten also, dass hier enorme Verschwendung betrieben wird?
T.S.: Ja, fraglos. Ein Drittel der Expertenmeinungen sind Mythen, die sich hartnäckig halten und enormen Schaden verursachen. Ich sage nicht, dass diese Menschen schlecht arbeiten. Sie machen einen guten Job. Aber ein Radfahrer kann auch nicht gegen ein Motorrad bestehen. Dazwischen liegt der Quantensprung einer anderen Methodik. Am Ende gewinnt das Motorrad, selbst wenn der Fahrradfahrer sportlicher war. Es kommt nicht nur auf das Talent an, sondern auch darauf, welche Multiplikatoren man einsetzt. Und Methoden sind Multiplikatoren für Arbeit. Und vergessen Sie nicht: dieser diagnostizierte Mangel ist auch eine Chance! Er bedeutet nämlich in unseren hoch optimierten Zeiten, in denen man um zehntel-Prozente kämpft, die geradezu unvorstellbare Chance sich auftut, an der Basis 30% besser zu werden, 30% Potential Fehlurteile zu eliminieren und diese und alle daraus resultierenden Probleme mit einem Schlag abzustellen. Wie? Indem man von reinem menschlichen Expertenwissen auf Zahlen und damit Fakten umschaltet. In der Konstruktion hat man das längst getan. Dort arbeitet man mit CAD und FEM. Lässt den Computer die lästige und fehleranfällige Arbeit machen. Das muss auch bei der Konzeption von Produkten und Prozessen vermehrt gemacht werden!
Frage: Bedeutet das, dass diese Arbeitsplätze wegfallen werden?
T.S.: Nein, in keiner Weise! Der Experte wird ja nicht überflüssig, er arbeitet nur effektiver! Irgendwer muss ja die Berechnungen durchführen. Wir bauen keine Arbeitplätze ab, wir sichern sie durch Weiterentwicklung der Fachkompetenz jedes einzelnen Mitarbeiters. Wenn der Experte alter Prägung Vergangenheit ist, ist nur der Arbeitsplatz des Experten, der sich methodisch weitergebildet hat sicher. Und der Experte, der vorher durch genaues Hinsehen, Erfahrung, Klugheit und was sonst noch sein Produkt genau 'kannte' darf das gerne auch weiter tun. Aber parallel dazu bekommt er ein unbestechliches Werkzeug an die Hand, sein Wissen mathematisch, statistisch und damit faktenbasiert gegenzurechnen. Wenn es keine Diskrepanzen gibt, darf er sich bestätigt fühlen. Aber meine Prognose ist: ein Gutteil seiner Überzeugungen werden einer Überarbeitung bedürfen. Das sagt die Erfahrung. Das tut weh, aber das genau bedeutet 'besser' werden.
Frage: Wo ist diese Methodik überall einsetzbar?
T.S.: Ansich tatsächlich erst einmal überall. Klassische Einsatzgebiete sind natürlich die technische Entwicklung. Entwicklung von Fertigungsprozessen, Entwicklung von Produkten, Variantenentwicklungen, Neuentwicklungen, Testläufe, Validierungsuntersuchungen, überall da, wo als Ergebnis der Auswertung von Messwerten die Schleife zurück zur Optimierung gezogen wird. Aber genauso auch in der Grundlagenforschung, in Naturwissenschaften, im Grunde auf allen Gebieten die die folgenden ziemlich allgemeinen Voraussetzungen erfüllen: untersucht werden soll ein technisches oder natürliches System, das deterministisch auf Eingangsparameter reagiert und dessen Reaktion auf diese Eingangsparameter Sie bestimmen und im Nachgang auf einen Zielbereich hin optimieren oder prognostizieren möchten. Hilfreich ist, wenn Sie die Eingangsparameter gezielt variieren können. Notwendig ist, dass sich das System selbst während der Untersuchung nicht zu sehr verändert, idealerweise konstant bleibt, wie technische Systeme es im Allgemeinen auch tun, wenn sie nicht gerade kaputt gehen. Nichtlineares Verhalten ist nur mit Einschränkungen behandelbar. Aber bedenken Sie, was Sie dabei immer noch gewinnen: die Untersuchung von Systemen mit vielen Ein- und Ausgangsparametern ist heute in der Regel ein Problem, obwohl man sich dieser Tatsache gerne per Kopf-in-den-Sand-Taktik verschließt. Systeme, die sich zudem nichtlinear nicht-deterministisch verhalten können Sie mit den heute gängigen Arbeitsweisen komplett vergessen. Da wird in der Praxis dann vor allem mit scharfem Blick geraten. Immerhin können wir mit unserer Methodik die komplexen deterministischen Systeme in den Griff bekommen. Das allein ist schon ein immenser Fortschritt gegenüber dem Status Quo.
Frage: Ich denke gerade an verfahrenstechnische Anlagen, Chemie, Biotechnologie, Kunststoffverarbeitung, Stahlindustrie?
T.S.: Ja, durchaus, jedoch teils mit Einschränkung. Mitunter stellt sich heraus, dass ein System sich der Analyse entzieht. Aber das merkt man schnell und kann darauf reagieren.
Frage: Medizin, Pharmazie?
T.S.: Denkbar. Ist im Einzelfall zu klären. Die Methodik ist wie gesagt nicht gut auf unbegrenzt komplexe Systeme anwendbar. Man muss das genau prüfen und realistisch bleiben. Wenn ein System nicht-deterministisch reagiert, eine starke Eigendynamik aufweist, sein Verhalten gar massiv verändert, stößt man wie bereits gesagt an die Grenzen der Methodik. Bei klassischen technischen Systemen ist das selten, bei biologischen, wie dem Menschen, der ja der hauptsächliche Gegenstand von Medizin und Pharmazie ist, natürlich ungleich häufiger.
Frage: Haben wir noch klassische Kundschaft vergessen?
T.S.: Üblicherweise beraten wir mittelständische Unternehmen mit solider eigener Entwicklungs- und Fertigungstiefe. Junge innovative Unternehmen, die neuen Ideen und Denkweisen gegenüber aufgeschlossen sind, machen es uns häufig leicht unsere Mission zu erfüllen. Aber prinzipiell sind wir überall zuhause. Bei Halbleitern ebenso wie in der Luftfahrt, aber auch bei neuen Energien, Windkraft und Solar, auch Biogas-Anlagen. Häufig sind wir natürlich beim klassischen Automotive Zulieferer, das ist eine sehr wichtige Industrie in unserem Land, deren Erhalt und Weiterentwicklung viele Arbeitsplätze sichert, auch wenn das im öffentlichen Diskurs gerne vernachlässigt wird.
Frage: Welche Aufgaben übernehmen Sie bei der Einführung Ihrer Methodik?
T.S.: Wir verstehen uns als Unternehmensberatung im eigentlichen Wortsinn. Unser Ziel besteht darin unseren Klienten durch Transfer von Know How klare Wettbewerbsvorteile zu bringen. Das bedeutet, wir beraten die Geschäftsleitung bzw. die technische Leitung bei der Einführung der Methodik, welche Ausbaustufen möglich und sinnvoll sind, welches Know How die Mitarbeiter erwerben müssen, welche technischen Rahmenbedingungen und Werkzeuge vorhanden sein müssen. Wir konzipieren dabei individuelle Lösungen, für jedes Unternehmen passend zu seinem Anwendungsgebiet und seinen Voraussetzungen. Wir führen die Weiterqualifikation der Mitarbeiter durch, begleiten bei den ersten Projekten, bei denen die neue Methodik zum Einsatz kommt, diskutieren die Ergebnisse mit den Mitarbeitern. Wir sehen uns nicht als Provider direkter Arbeitsleistung. Wir führen keine Auswertungen und Berechnungen selbst durch. Wir beschränken uns darauf, Know How zu vermitteln. Damit sind wir bei der derzeitigen Nachfrage auch vollends ausgelastet.
Frage: Herr Schöberl, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
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